Gesellschaft fŁr Informatik e.V.

Lecture Notes in Informatics


Architekturen, Komponenten, Anwendungen, Proceedings zur 1. Verbundtagung Architekturen, Komponenten, Anwendungen (AKA 2004), Universität Augsburg, 02.03. Dezember 2004 P-57, 25-41 (2004).

GI, Gesellschaft f√ľr Informatik, Bonn
2004


Editors

Klaus Turowski (ed.)


Copyright © GI, Gesellschaft f√ľr Informatik, Bonn

Contents

Ein Vorgehen zur Ermittlung des Potenzials der Wandlungsfähigkeit von betrieblichen Informationssystemen

Katja Andresen , Turgut Dogan and Simone Schmid

Abstract


Wandlungsf√§higkeit von Informationssystemen ist zu einem wesentlichen Wettbewerbsfaktor im turbulenten Unternehmensumfeld geworden. Die derzeit unzureichende methodische Unterst√ľtzung zur Umsetzung von Wandlungsf√§- higkeit f√ľhrt in Unternehmen h√§ufig zu ungenutzten Potenzialen der eingesetzten Informationstechnologie. Ziel des Forschungsprojektes CHANGE ist es, Methoden und Vorgehensmodelle zu entwickeln, die eine dauerhafte Wandlungsf√§higkeit von betrieblichen Informationssystemen unterst√ľtzen. Dazu wird im Rahmen dieses Beitrages ein Verfahren vorgestellt, welches der Forderung zur Ermittlung der notwendigen Wandlungsf√§higkeit unter Einbeziehung des Unternehmensumfeldes nachkommt. Als wesentliches Ergebnis wird ein Kennzahlensystem entwickelt, dass die Umweltsituation als Indikator f√ľr den Wandlungsdruck eines Unternehmens beschreibt. 25 Das Thema Wandlungsf√§higkeit ist ein relativ junges Forschungsgebiet, das zun√§chst √ľber den Betrachtungsbereich der Fabrikplanung in den Fokus von Industrie und Forschung ger√ľckt ist. Wandlungsf√§higkeit wird in der Fabrikplanung als neues Ziel angesehen. Unter verschiedenen Aspekten wurden Gestaltungsrichtlinien f√ľr modulare und wandelbare Fabriken erstellt [NK02, We02, ELR02, WEH03]. Zu den Wandlungsobjekten mit strategischer Bedeutung geh√∂ren auch die betrieblichen Informationssysteme eines Unternehmens. Weiterer Forschungsbedarf besteht darin, Instrumente zur Ermittlung der anforderungsgerechten und wirtschaftlichen Wandlungsf√§higkeit zu entwickeln. Zur Ermittlung der notwendigen Wandlungsf√§higkeit wird die Umwelt eines Unternehmens betrachtet und die Auswirkungen von Umfeldturbulenzen in Beziehung zur Informationssystemarchitektur (ISA) gesetzt. Vorarbeiten dazu existieren bereits auf der Prozessebene produzierender Unternehmen [Ha02]. Ein praxistaugliches Verfahren, das R√ľckschl√ľsse auf die Auspr√§gungstiefe einzelner Wandlungsobjekte erlaubt, steht bisher jedoch noch nicht zur Verf√ľgung. Eine methodisch unterst√ľtzte Vorgehensweise zur Verbindung von Turbulenzen im Unternehmensumfeld mit der Wandlungsf√§higkeit der ISA ist nicht vorhanden. 2 Die Wirkung von Umfeldturbulenzen auf betriebliche Informationssysteme Als Umweltturbulenzen werden im Rahmen dieses Beitrages die auf das Unternehmen einwirkenden dynamischen Einfl√ľsse des unternehmensspezifischen Umfeldes verstanden. Zur Sicherstellung der Unternehmensexistenz und des -erfolges ist die Bew√§ltigung derartiger Umweltver√§nderungen (Turbulenzen) unter Anpassung der Unternehmensstrukturen notwendig [Pf97, S. 1]. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Ge- samtheit der betrieblichen Informationssysteme von Bedeutung, da sie einen essentiellen Beitrag zur Wandlungsf√§higkeit des Unternehmens liefern k√∂nnen [LH98]. 2.1 Problemstellung und Forschungsansatz Infolge der turbulenten Umwelt von Unternehmen ist der Unternehmenswandel zu einem Dauerzustand avanciert [Kr98, S. 228 ff]. Dies betrifft alle Bereiche des Unternehmens - insbesondere Gesch√§ftsprozesse, Strukturen und die zunehmende Informationsdichte und -technologie. 26 Produktlebenszyklen werden deutlich k√ľrzer, dies f√ľhrt zu h√§ufigen Ver√§nderungen der sie begleitenden Gesch√§ftsprozesse. Neue Technologien wie das Internet, EAI (Enterprise Application Integration) oder Web Services ver√§ndern die Gestaltung der Wertsch√∂pfungsprozesse, die Integration mit Lieferanten und die Kommunikation mit Kunden [FS02, SK03]. Ebenfalls ber√ľcksichtigt werden m√ľssen neue Managementmethoden, organisatorische und rechtliche Ver√§nderungen [PRW03, S. 2 ff., KW03, S. 410 ff]. In einem turbulenten Umfeld mit zunehmend k√ľrzer werdenden Turbulenzintervallen ist es daher notwendig, die einzelnen Unternehmensbestandteile auf den Wandel auszurichten. Die Auswirkungen des Wandels lassen sich unter den Stichworten \?Verknappung der Ressource Zeit‚Äú, Verknappung der Ressource Kapital‚Äú und \?Steigerung der Komplexit√§t‚Äú zusammenfassen [DL02]. Die auf den Unternehmen lastenden Anforderungen zum Wandel k√∂nnen in der Praxis oft nicht zeitgerecht und effizient umgesetzt werden. Gr√ľnde hierf√ľr liegen in der verz√∂gerten Erkennung von Umweltturbulenzen, insbesondere aber auch in strukturellen Wandlungshemmern bei Informationssystemen und Or- ganisation. Zur Beherrschung der Turbulenz ist es erforderlich, die Anwendungssysteme wandlungsf√§hig zu gestalten. Dazu wird in diesem Beitrag ein Verfahren zur Bestimmung der Wandlungsf√§higkeit der ISA vorgestellt, das die unternehmensexternen Rahmenbedingungen und die in dem gegebenen Informationssystem bereits vorhandenen Potenziale der Wandlungsf√§higkeit ber√ľcksichtigt. In den folgenden Abschnitten wird zun√§chst das zugrunde liegende Verst√§ndnis von Wandlungsf√§higkeit erl√§utert und danach ein Verfahren zur Ermittlung der erforderlichen Wandlungsf√§higkeit vorgestellt. Hierf√ľr werden zun√§chst diejenigen externen Turbulenzgr√∂√üen erfasst, die ma√ügeblichen Einfluss auf das Unternehmen und seiner kostengetriebenen IT Anwendungslandschaft nehmen. Bezogen auf die Wertsch√∂pfungskette des Unternehmens zeichnet sich eine homogenisierte, stark integrierte und branchenorientierte Ausrichtung im Anwendungsbereich ab [SP04]. Um eventuelle Defizite der Wandlungsf√§higkeit auf Seiten der IT aufzudecken werden geeignete Indikatoren bestimmt, die Aufschluss √ľber die Wandlungsf√§higkeit der ISA geben. Durch Gegen√ľberstellung von Turbulenzanforderungen und vorhandenem Potenzial an Wandlungsf√§higkeit werden Handlungsempfehlungen f√ľr die Weiterentwicklung der Anwendungssysteme abgeleitet. 2.2 Der Begriff der Wandlungsf√§higkeit Im Kontext des Unternehmens bezeichnet Wandlungsf√§higkeit bzw. Agilit√§t die Forderung nach wirtschaftlichem Handeln der Akteure unter stetig wechselnden und unvorhersehbaren Rahmenbedingungen [GNP95, S. 3]. 27 Wandlungsf√§higkeit l√§sst sich definieren als die F√§higkeit eines Systems, sich selbst effizient und schnell an ver√§nderte Anforderungen anpassen zu k√∂nnen. Von der Flexibilit√§t und der Adaptivit√§t kann die Wandlungsf√§higkeit durch die Fragen \?Wer erkennt den √Ąnderungsbedarf?‚Äú und \?Wer entwickelt geeignete Alternativen?‚Äú abgegrenzt werden. Flexibilit√§t wird die Eigenschaft eines Systems genannt, das einem √Ąnderungsbedarf ein entsprechendes aktivierbares √Ąnderungspotenzial im System gegen√ľberstellt [Kn92, S. 67]. Bei der Flexibilit√§t reicht es aus, wenn die Erkennung von Ver√§nderungsbedarf und die Verf√ľgbarmachung von √Ąnderungen von au√üen kommen. Bei der Adaptivit√§t erkennt das System den √Ąnderungsbedarf selbst (etwa bei Lernsystemen), geeignete Alternativen werden aber von au√üen bereitgestellt. Wandlungsf√§higkeit Entwicklungsf√§higkeit Turbulenzf√§higkeit als proaktives Handeln als reaktives Handeln Vorausschau, Reaktions- Flexibilit√§t Initiative f√§higkeit Abbildung 1: Bausteine der Wandlungsf√§higkeit, in Anlehnung an Spath[SBB01, S.9] Um den verschiedenen Zeithorizonten und Ver√§nderungsintensit√§ten der Einfl√ľsse aus einer turbulenten Umwelt gerecht zu werden, m√ľssen neben reaktiven auch proaktive F√§higkeiten etabliert werden (Abb. 1), damit Wandlungsf√§higkeit vorliegt [SBB S. 9ff]. Wandlungsf√§higkeit f√ľhrt dazu, dass nicht nur Ver√§nderungsbedarf erkannt, sondern auch Alternativen zu seiner Befriedigung aus dem System heraus selbst generiert werden. Die Entwicklungsf√§higkeit bezeichnet dabei die proaktive F√§higkeit des Unternehmens zur nachhaltigen Gestaltung der Unternehmensstrukturen bei l√§ngerfristig prognostizierbaren wechselnden Anforderungen. Die Turbulenzf√§higkeit hingegen erfordert Reaktionsf√§higkeit, um auf die unvorhersehbaren Umweltver√§nderungen angemessen reagieren zu k√∂nnen [SBB01, S. 10]. 28 lungsf√§hgkeit Die Wandlungsf√§higkeit von Unternehmen wird immer h√§ufiger als Wettbewerbsfaktor in einem turbulenten Umfeld herausgestellt [AG04]. Eine zentrale Herausforderung bei der Erh√∂hung der Wandlungsf√§higkeit von Unternehmen besteht darin, Prozesse effizient zu gestalten, um rechtzeitig und gezielt handeln zu k√∂nnen. Die Erarbeitung einer Methodik, um die spezifische Bedeutsamkeit der Wandlungsnotwendigkeit f√ľr das einzelne Unternehmen ermitteln zu k√∂nnen, bildet die Grundlage f√ľr ein strukturiertes Vorgehen zur Anpassung der Agilit√§t eines Unternehmens in dynamischen und sprunghaften Entwicklungen des Umfeldes. Es wird beispielhaft eine Methode vorgestellt, die es Unternehmen erm√∂glichen soll, anhand der f√ľr das Unternehmen relevanten Umweltfaktoren die Anf√§lligkeit des Unternehmens gegen√ľber √§u√üeren Einfl√ľssen zu spezifizieren. Dieser Betrachtung wird zugrunde gelegt, dass eine erh√∂hte Anf√§lligkeit dann besteht, wenn Umwelteinfl√ľsse als turbulent eingesch√§tzt werden. Somit besteht f√ľr das Unternehmen ein gr√∂√üerer Ver√§nderungsdruck. Im Gegenzug bedeuten als konstant eingesch√§tzte Umweltbedingungen f√ľr eine Unternehmensorganisation, dass nur eine geringe Notwendigkeit besteht, Ver- √§nderungen zu antizipieren.


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GI, Gesellschaft f√ľr Informatik, Bonn
ISBN 3-88579-386-5


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