Gesellschaft für Informatik e.V.

Lecture Notes in Informatics


Modellierung betrieblicher Informationssyteme - MobIS 2003, Proceedings der Tagung MobIS 2003, 9. bis 10. Oktober 2003 in Bamberg. P-38, 7-23 (2003).

GI, Gesellschaft für Informatik, Bonn
2003


Editors

Elmar J. Sinz (ed.), Markus Plaha (ed.), Peter Neckel (ed.)


Copyright © GI, Gesellschaft für Informatik, Bonn

Contents

Prozessmodellbasierte Vertragsgestaltung in überbetrieblichen Kooperationen

Jörg Becker , Karsten Klose and Martin Schneider

Abstract


Die Bildung von überbetrieblichen Kooperationen wird von Unternehmen immer häufiger als ein Instrument zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit gesehen. Bevor sich Unternehmen jedoch den daraus entstehenden organisatorischen und informationstechnologischen Herauforderungen stellen, ist es erforderlich, dass die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen vertraglich vereinbart werden. Die Anfertigung dieser Verträge ist eine komplexe Aufgabenstellung, an der eine Vielzahl von Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen (bspw. Juristen, Betriebswirte, Informatiker) beteiligt ist. Zur Unterstützung der Vertragsgestaltung bietet sich der Einsatz von $Prozess(informations)$modellen an, da diese aufgrund ihrer Anschaulichkeit das existierende Kommunikationsproblem innerhalb der Vertragsgestaltung effektiv handhaben können. In diesem Beitrag wird dazu ein Vorgehen entwickelt, das anhand eines Anwendungsszenarios beschrieben wird. 7 Die Ausrichtung der Unternehmensaktivitäten auf die Geschäftsprozesse hat zu einem Paradigmenwechsel in der Betriebswirtschaftslehre und in der Wirtschaftsinformatik geführt. [BK03, S. 4ff.; Sc02]. Stand viele Jahrzehnte lang für Unternehmen die effiziente Ausführung von Einzelfunktionen zur lokalen Optimierung einzelner Funktionsbereiche (wie z. B. Rechnungswesen, Produktion, Vertrieb) im Vordergrund [BK03, S. 4], hat sich die prozessorientierte Unternehmensgestaltung, getragen durch die Ende der 80er- Jahre aufgekommenen Schlagworte Business Process Reengineering und Business Process Management, zu einem wichtigen Instrumentarium der Unternehmensführung entwickelt [Ga83; No72; GSV94]. Da Geschäftsprozesse nicht an den Unternehmensgrenzen beginnen und enden, sondern sich über die gesamte Lieferkette (Supply Chain) bis hin zum Endkunden erstrecken, sind neben den innerbetrieblichen auch die überbetrieblichen Abläufe zu koordinieren [Ku03, S. 469]. Diese externe, unternehmensübergreifende Perspektive äußert sich in vielfältigen Kooperationen und in der Entstehung moderner Formen unternehmerischer Zusammenarbeit, wie Value-Added Partnerships, strategischen Allianzen, strategischen Netzwerken und virtuellen Unternehmen [Sc02, S. 9]. Durch diese Entwicklung stehen Unternehmen vor zwei zentralen Herausforderungen. Einerseits sind die Geschäftsprozesse organisatorisch zu restrukturieren, andererseits sind diese neuen Szenarien informationstechnisch umzusetzen, womit die Notwendigkeit einer Anwendungssystemkopplung einhergeht [Sc02, S. 10]. Bevor sich Unternehmen jedoch den organisatorischen und informationstechnologischen Herausforderungen annehmen, ist es erforderlich, dass die dafür notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen in Form von Verträgen festgehalten werden. Die Anfertigung dieser Verträge ist eine komplexe Aufgabenstellung, an der eine Vielzahl von Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen (bspw. Juristen, Betriebswirte, Informatiker) beteiligt ist. Diese Fachleute gehen mit unterschiedlichen Zielsetzungen und einem differenzierten Begriffsverständnis in die Verhandlungen. Vor diesem Hintergrund bieten sich Prozessmodelle an, um die Kommunikation zwischen den Vertragspartnern durch eine leicht verständliche Do- kumentation der überbetrieblichen Prozesse und deren Schnittstellen zu vereinfachen. Ziel dieses Beitrags ist es, die Einsatzzwecke von Prozessmodellen in überbetrieblichen Kooperationen mit besonderem Fokus auf die Vertragsgestaltung herauszustellen. Dazu werden zunächst im zweiten Abschnitt die Einsatzzwecke von Prozessmodellen vorgestellt und in Abschnitt drei die Vorteile einer prozessmodellbasierten Vertragsgestaltung beschrieben. Darauf aufbauend wird ein Vorgehensmodell entwickelt, welches anhand eines Anwendungsszenarios erläutert wird. Der Beitrag endet mit einem Fazit und einem Ausblick. 8 In der Wirtschaftsinformatik kann unter einem Prozess die inhaltlich abgeschlossene, zeitliche und sachlogische Folge von Aktivitäten verstanden werden, die zur Bearbeitung eines betriebswirtschaftlich relevanten Objektes (bspw. eine Bestellung oder Rechnung) notwendig sind [Ro01, S. 388; BK03, S. 6].1 Ein Geschäftsprozess stellt einen speziellen Prozess dar, der sich aus den obersten Unternehmenszielen ableitet [No72, S. 8f.]. We- sentliche Merkmale eines Geschäftsprozesses sind seine Schnittstellen zu den Marktpartnern des Unternehmens (z. B. Kunden, Lieferanten) [BK03, S. 7]. Prozesse lassen sich nach unterschiedlichen Kriterien unterteilen. In Anlehnung an das von PORTER vorgestellte Modell der Wertkette lassen sich Kernund Supportprozesse unterscheiden [Po98, S. 63ff.].2 Ein Kernprozess trägt zur Wertschöpfung des Unternehmens bei, da seine Aktivitäten einen direkten Bezug zum Produkt der Unternehmung besitzen. Demgegenüber weist ein Supportprozess aus Kundensicht keine wertschöpferischen Leistungen aus. Er ist allerdings notwendig, um einen Kernprozess auszuführen. Aufgabe des Prozessmanagement ist die Planung, Steuerung und Kontrolle von innerund überbetrieblichen Prozessen, wobei sowohl Kernals auch Supportprozesse zu be- rücksichtigen sind [Ku01, S. 387]. Neben der Gestaltung der Organisation umfasst das Prozessmanagement auch die Schaffung der technischen Infrastruktur. Im Rahmen eines überbetrieblichen Prozessmanagements sollten idealerweise auch rechtliche Aspekte Berücksichtigung finden, da innerhalb der Verhandlungsphase der organisatorische und informationstechnologische Handlungsbedarf determiniert wird. Zur Operationalisierung der Aufgaben des Prozessmanagements gilt es, Prozesse transparent zu beschreiben und damit so zu strukturieren, dass sowohl die Gestaltung von Organisationsabläufen als auch von Informationssystemen unterstützt wird. Vor diesem Hintergrund haben sich Informationsmodelle als probates Mittel erwiesen [SNZ95; BS96; FS01; Kr03]. Informationsmodelle stellen spezielle Repräsentationen eines Objektsystems für Zwecke der Organisationsund Anwendungssystemgestaltung dar [Be00, S. 88]. Methodisch wird das Prozessmanagement, insbesondere das Prozessdesign, durch $Prozess(informations)$modelle unterstützt [Ku01, S. 387]. Diese beschreiben gleichgeartete Prozesse für die Zwecke eines Subjektes und besitzen im Regelfall einen Zeitbezug [FS93, S. 589; Ro01, S. 388]. Es existieren vielfältige Einsatzmöglichkeiten von Prozessmodellen, von denen einige exemplarisch in Abbildung 1 dargestellt sind. Die unterschiedlichen Verwendungsbereiche sind in die Hauptbereiche Organisationsund An- wendungssystemgestaltung aufgeteilt.


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GI, Gesellschaft für Informatik, Bonn
ISBN 3-88579-367-9


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