Gesellschaft für Informatik e.V.

Lecture Notes in Informatics


INFORMATIK 2012 P-208, 1352-1365 (2012).

Gesellschaft für Informatik, Bonn
2012


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Contents

Ermittlung von Nutzerbedürfnissen zur Erhöhung der Beratungskompetenz von Pflegekräften und Technikern

Michel Nitschke , Silke Quast , Jörn Krückeberg , Marianne Behrends and Sigrun Goll

Abstract


In dem Verbundprojekt MHH-QuAALi wird eine Qualifizierungsmaßnahme für beruflich und akademisch Qualifizierte aus Gesundheitsberufen und aus technischen Berufen im Bereich Ambient Assisted Living (AAL) entwickelt. Diese Qualifizierungsmaßnahme soll in erster Linie Pflegekräfte und Techniker dazu befähigen, die Anwendungsgebiete von AAL zu erfassen und dem Nutzer von AAL-Technologien die Einsatzmöglichkeiten zu vermitteln. Doch gerade diese Vermittlung ist oft mit Schwierigkeiten verbunden. Ein Grund hierfür ist, dass die Nutzer auf die Einführung von technischen Assistenzsystemen mit Skepsis oder sogar Ablehnung reagieren. Dementsprechend bildet die Auseinandersetzung mit kritischen Aspekten von AAL einen Schwerpunkt des Curriculums. Die Beschäftigung mit den kritischen Aspekten macht deutlich, dass die Akzeptanzprobleme der Nutzer eine wesentliche Rolle bei der Einführung neuer Technologien spielen. Aus diesem Grund fand eine Auseinandersetzung mit aktuellen Studien statt, die sich mit der Nutzerakzeptanz und der Ermittlung von Nutzereigenschaften und -bedürfnissen in der Phase der Ideengenerierung und Produktentwicklung beschäftigen. Im Ergebnis nehmen die Studien Kategorisierungen und Typisierungen des Nutzers vor, die eine Einteilung in Zielgruppen zulassen. Diese Vorgehensweise ist aus Sicht der Autoren jedoch nicht hinreichend, wenn es darum geht, Entscheidungshilfen auf der Ebene der Interaktionen zwischen Berater und Nutzer, also auf der individuellen bzw. subjektiven Ebene, zu ermöglichen. Hierfür bedarf es der Entwicklung adäquater Beratungskonzepte, mit deren Hilfe subjektive Haltungen und Präferenzen potentieller Nutzer erfasst werden, damit der Nutzer in die Lage versetzt wird, eigenverantwortlich und autonom über den Einsatz von AAL entscheiden zu können. 1352 Derzeit wird in Deutschland von einer zunehmenden Alterung der Gesellschaft mit stei- genden Kosten bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen in Folge einer kontinuierlich rück- läufigen Rate regelmäßiger Beschäftigungsverhältnisse ausgegangen [Re09]. Voraussichtlich sollen im Jahr 2030 etwa 22 Millionen 65-jährige und ältere Menschen in Deutschland leben, davon etwa 3,4 Millionen pflegebedürftige Personen - 2009 waren es 2,3 Millionen. Dementsprechend steigt der Pflegebedarf und es stellt sich die Frage, wie aufgrund des angenommen (und teils bereits bestehenden) Fachkräftemangels die Versorgung älterer, hilfebedürftiger Menschen in Zukunft gewährleistet werden kann [Mo11]. Vor diesem Hintergrund wird seit einigen Jahren der Einsatz technischer Assistenzsysteme zur Unterstützung älterer und pflegebedürftiger Menschen diskutiert und es sind vielfältige Entwicklungen in diesem Bereich entstanden. Daran ist zugleich die Hoffnung geknüpft, durch technische Lösungen die gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen zu können [Re11]. Unter dem Titel \?Ambient Assisted Living“ (AAL) werden seit einigen Jahren europaweit verstärkt Anstrengungen unternommen, die Entwicklung und den Einsatz altersgerechter Assistenzsysteme voranzutreiben [Sc10]. Vorrangiges Ziel ist die Unterstützung älterer Personen bei der Verrichtung alltäglicher Aktivitä- ten auf Basis von Informationsund Kommunikationstechnik. Diese soll eine unabhängige und eigenverantwortliche Lebensführung und gesundheitliche Versorgung im häuslichen Umfeld ermöglichen. Während das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bereits seit 2008 insgesamt 18 Forschungsund Entwicklungsprojekte unter dem Titel \?Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben (AAL)“ fördert, wird aktuell auch dem Aus-, und Weiterbildungsbedarf in verschiedenen Bereichen nachgekommen. Die Ausschreibung des BMBF zu \?Weiterbildung und Zusatzqualifikationen im Bereich Altersgerechter Assistenzsysteme - QuAALi“ ist dabei ein weiterer Schritt zur Umsetzung der Hightech-Strategie der Bundesregierung. In diesem Rahmen fördert das BMBF seit Mitte 2011 neun Projekte. Eines davon ist das Verbundprojekt MHH- QuAALi (Förderkennzeichen 16SV5554K), in dem eine Qualifizierungsmaßnahme für beruflich und akademisch Qualifizierte aus Gesundheitsberufen und aus technischen Berufen im Bereich AAL entwickelt wird. 2 MHH-QuAALi - Berufliche und akademische Weiterbildung im Bereich AAL Das Verbundprojekt MHH-QuAALi wird unter der Leitung der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt. Mit dem Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI) und dem Geschäftsbereich Pflege/Pflegewissenschaft sind in der MHH zwei Bereiche am Projekt beteiligt, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule Osnabrück, der Hochschule Hannover und dem Braunschweiger Informatikund Technologie-Zentrum sowohl die technischen als auch die pflegerischen Aspekte des AAL- 1353 Einsatzes abdecken. Weitere an dem Projekt beteilige Kooperationspartner sind das Projekt InnovAging und das Center for Near Field Communication Management der Leibniz Universität Hannover, das Distributed Artificial Intelligence Labor der TU- Berlin, die Industrieund Handelskammer Hannover sowie der Verein deutscher Ingenieure des Landesverbandes Niedersachsen. Ziel des Vorhabens ist es, beruflich und akademisch Qualifizierte aus Gesundheitsberufen und aus technischen Berufen interdisziplinär und gemeinsam im Bereich AAL weiterzubilden. Dabei erhalten Pflegekräfte sowie medizinisch, therapeutisch und sozial tätige Personen einen qualifizierten Überblick über verfügbare Dienstleistungen und Technologien und lernen unterschiedliche Anwendungsgebiete von AAL kennen. Personen aus technischen Berufen werden über die Bedürfnisse und Lebensbedingungen jener Menschen aufgeklärt, für die AAL Nutzen bringen kann. Die berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahme soll dabei Kommunikationsprozesse zwischen den verschiedenen Berufsgruppen anregen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern. Durch die Modularität des Angebots soll zudem Flexibilität geschaffen werden, die auch die Inanspruchnahme durch heterogene Teilnehmergruppen zulässt. Aufbauend auf einem didaktischen Konzept, welches die Verflechtung von Seminaren mit praxisorientierten Lernphasen und multimedialen, webbasierten Lerninhalten vorsieht, wird ein kompetenzorientiertes Curriculum entwickelt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen: $\bullet $erkennen können, welche Unterstützung AAL-Technologien für Gesundheitsberufe bieten, $\bullet $AAL-Technologien für die Kommunikation zwischen den verschiedenen Berufen nutzen können, $\bullet $AAL-Technologien zur Prozessunterstützung der eigenen Arbeitsprozesse anwenden können und $\bullet $Nutzer zur Anwendung von AAL-Technologien für das Selbstmanagement anleiten können. Diese Qualifizierungsmaßnahme soll also in erster Linie Pflegekräfte und Techniker dazu befähigen, die Anwendungsgebiete von AAL zu erfassen und dem Nutzer von AAL-Technologien die Einsatzmöglichkeiten zu vermitteln.1 Doch gerade diese Vermittlung ist oft mit Schwierigkeiten verbunden. Ein Grund hierfür ist, dass die Nutzer auf die Einführung von technischen Assistenzsystemen mit Skepsis oder sogar Ablehnung reagieren. Ungeklärte Fragen zur Finanzierbarkeit von AAL-Technologien oder zur Einhaltung des Datenschutzes verunsichern potenzielle Nutzer und hemmen deren Ak- zeptanz gegenüber technischen Assistenzsystemen. Dementsprechend bildet die Thema- 1 Langfristig soll das Qualifizierungskonzept nach Projektende auch auf weitere Anbieter und Bildungseinrichtungen wie Hochschulen, Industrieund Handelskammer, Handwerkskammer und Berufsbildungszentren übertragen werden können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten nach erfolgreicher Absolvierung ein von MHH, IHK Hannover und VDI Niedersachsen entwickeltes Zertifikat, das auf verschiedenen Ebenen anrechenbar sein soll. Dazu gehören insbesondere die Zertifizierung durch die IHK Hannover, die Zertifizierung durch die Registrierung beruflich Pflegender GmbH sowie die Zertifizierung von ärztlichen Fortbildungen durch die Ärztekammern. 1354 tisierung von und die Auseinandersetzung mit kritischen Aspekten von AAL sowie mit Akzeptanzfaktoren einen Schwerpunkt des Curriculums. 3 Akzeptanzfördernde und akzeptanzhemmende Faktoren und ihre Bedeutung für den Einsatz von AAL-Technologien In vielen Lebensbereichen werden technische Hilfsmittel heutzutage ganz selbstverständlich eingesetzt. Sie erleichtern alltägliche Routinearbeiten (Waschmaschine, Mi- krowelle etc.), bieten Unterstützung bei der Gestaltung sozialer Kontakte (Handy, Internet etc.) und kommen immer häufiger im Falle von Pflegebedürftigkeit und Gesundheitsversorgung zum Einsatz. Der Einsatz von technischen Geräten in diesen Bereichen zielt vor allem darauf ab, eine autonome Lebensführung und gesundheitliche Versorgung in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen [Mo11]. Die Bereitschaft älterer und pflegebedürftiger Menschen, sich in der eigenen Wohnung von technischen Assistenzsystemen unterstützen zu lassen, ist groß [OS11]. Doch den erwarteten positiven Effekten stehen zugleich zahlreiche Bedenken der potentiellen Nutzer gegenüber. Einige Aspekte dieser akzeptanzfördernden und -hemmenden Faktoren sollen im Folgenden kurz skizziert werden. Ganz allgemein hängt die Akzeptanz technischer Geräte von Alter und Geschlechtszugehörigkeit, gesundheitlicher und kognitiver Verfassung, Bildungsund Einkommenshintergrund sowie Werteund Interessensmustern ab. Entscheidend sind letzten Endes die biografischen Erfahrungen der Nutzer, die zu \?unterschiedlichen Ausprägungen technisierter Lebensstile mit jeweils unterschiedlichen Chancen und Risiken“ [Mo11] führen. Somit besteht die höchste Akzeptanz zumeist bei männlichen Nutzern, die mit ausreichend finanziellen Mittel ausgestattet sind, bereits über Technikerfahrungen verfü- gen und ein hohes Bildungsniveau aufweisen, um sich neue Technologien wissensmäßig aneignen zu können. Deutlich geringer ist die Akzeptanz bei hochaltrigen und alleinlebende Frauen mit geringem Bildungsniveau und wenig Technikerfahrung sowie bei techniknahen, älteren Männern ohne finanzielle Ressourcen und Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Veränderungen aufgrund fehlender Bildungsressourcen. Verschiedene Untersuchungen zeigen darüber hinaus, dass eine zentrale Bedingung für die Anschaffung technischer Lösungen eine Verschlechterung des eigenen Gesundheitszustandes ist [OS11]. Das subjektive Eingeständnis, aufgrund des objektiven Gesundheitszustandes auf Unterstützung angewiesen zu sein, erhöht in der Regel die Bereitschaft altersgerechte Assistenzsysteme anzuschaffen und zu nutzen. Dabei muss die Technologie bedienfreundlich, also leicht verständlich, und ihr Nutzen für den Anwender klar ersichtlich sein. Die Erhöhung der Selbstständigkeit und der Sicherheit sowie die Möglichkeit menschliche Kommunikation zu ermöglichen und zu unterstützen, stehen dabei im Vordergrund und erhöhen die Akzeptanz der Nutzer. Auch die Entlastung von Angehörigen und professionellen Helfern durch technische Hilfsmittel bei den Pflegetätigkeiten bewerten Nutzer positiv. Genauso wichtig ist ihnen Unterhaltung durch und der Spaß im Umgang mit Assistenzsystemen. Diese dürfen aber, z.B. aufgrund ihres Aussehens (Telefon mit übergroßer Tastatur etc.), nicht stigmatisieren. Denn für viele Nutzer ist die Kehrseite altersgerechter Assistenzsysteme, dass mit der Nutzung solcher 1355 Systeme das Eingeständnis verbundenen ist, auf Hilfe und Unterstützung angewiesen zu sein. Ebenso wird befürchtet, dass durch die damit verbundene Automatisierung von Handlungsabläufen körperliche und geistige Fähigkeiten verloren gehen könnten. Die Finanzierbarkeit von AAL bzw. die Kaufkraft der Nutzer ist eine weitere wesentliche Bedingung für die Anschaffung und Akzeptanz technischer Assistenzsysteme [Me11b]. Dies gilt umso mehr, wenn ältere Menschen für technische Systeme selbst bezahlen sollen und diese nicht von sozialen Sicherungssystemen (teil)erstattet werden [OS11]. Haushalte älterer Menschen verfügen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung über unterdurchschnittliche Einkommen [MM10]. Dementsprechend ist die Bereitschaft bzw. Möglichkeit eigenes Geld für technische Assistenzsysteme und Dienstleistungen zu investieren eher gering - Studien gehen von Monatspauschalen von weniger als 100 Euro aus [Me11b]. Aufgrund der mit den Rentenreformen einhergehenden Leistungsreduzierung werden die Alterseinkünfte zukünftig im Durchschnitt sogar noch deutlich geringer ausfallen [MM10]. Hier wird deutlich, dass die Finanzierung von AAL- Technologien nicht nur auf der individuellen Ebene anzusiedeln ist. So müssen auch auf gesellschaftlicher Ebene Fragen der Verteilung von medizinischen Ressourcen in Hinblick auf Kosten, aber auch auf die medizinische Zuwendung im Sinne von Zeit für Patienten diskutiert und Lösungen gefunden werden [KH10]. Mit der Verschlechterung des Gesundheitszustandes steigt die Bereitschaft der Nutzer, eigenes Geld für technische Überwachungssysteme zu investieren [OS11]. Solche Sy- steme sammeln und verarbeiten jedoch große Mengen sensibler Daten (Vitalparameter, häusliche Aktivitäten, soziale Kontakte etc.), was bei vielen Nutzern die prinzipielle Frage nach der sicheren Verwendung der (privaten) Daten aufwirft. Die damit einhergehende Befürchtung, dass es kaum Möglichkeiten gibt, sich der automatisierten Datenverarbeitung zu entziehen (Autonomieverlust) und sich zugleich von der eingesetzten Technologie abhängig zu machen, schreckt viele Nutzer ab. Doch selbst das Computergrundrecht, also die gesetzlich festgelegte \?Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme“, ist noch keine Garantie für die sichere Erhebung, Übermittlung und Speicherung von personenbezogenen Daten [Di09]. Um dies zu erreichen, müssen im Kontext technischer Assistenzsysteme Entscheidungsund Kontroll- möglichkeiten geschaffen werden, die es dem Nutzer ermöglichen, selbstbestimmt über Art und Umfang seiner Daten zu entscheiden [Rö11]. Wenn darüber hinaus auf Grundlage personenbezogener Daten Verhaltensund Persönlichkeitsprofile von Nutzern angelegt werden und möglicherweise einer \?Standardisierung des Normallebens auf der Grundlage von AAL-Messdaten“ [RB11] der Weg bereitet wird, dann sind die Probleme der Nutzerakzeptanz nicht mehr nur rein datentechnischer Art. Solche Szenarien rufen bei den Nutzern häufig Ängste insbesondere vor Überwachung, Entmündigung, Isolierung und Vereinsamung hervor. In diesem Zusammenhang wird ein grundsätzlicher Konflikt deutlich. Altersgerechte Assistenzsysteme können eine selbstständige Lebensführung älterer und hilfebedürftiger Menschen sowie deren Wunsch nach einer sicheren Gesundheitsversorgung ermöglichen. Zugleich birgt der Einsatz assistiver Technologien die Gefahr, die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Personen und deren individuelle Interessen einzuschränken. 1356 Ob der Einsatz technischer Assistenzsysteme in der Summe positiv oder negativ zu be- werten ist, hängt von vielen Faktoren ab und kann für jeden Nutzer anders ausfallen. Damit ältere und hilfebedürftige Menschen altersgerechte Assistenzsysteme ihren Be- dürfnissen entsprechend nutzen können, müssen noch verschiedene Probleme individueller und gesellschaftlicher Art bewältigt werden [Mo11]. Die Beschäftigung mit kritischen Aspekten von AAL macht deutlich, dass die damit einhergehenden Akzeptanzprobleme auf der individuellen Ebene eine wesentliche Rolle bei der Einführung neuer Technologien spielen. Aus diesem Grund fand eine Auseinandersetzung mit aktuellen Studien statt, die sich mit der Nutzerakzeptanz und der Ermittlung von Nutzereigenschaften und -bedürfnissen beschäftigen. 4 Instrumente und Methoden zur Ermittlung von Nutzereigenschaften und -bedürfnissen In aktuellen, teils repräsentativen Studien2 wurden bereits Versuche unternommen, sowohl Ansprüche als auch Befürchtungen potentieller Nutzer zu erfassen und Instrumente und Methoden zur Erkennung von Nutzerinteressen zur Verfügung zu stellen. Ziel dieser Untersuchungen ist in der Regel die Ermittlung von Nutzerbedürfnissen und - eigenschaften, um Anforderungen und Bedürfnisse der Nutzer in der Phase der Ideengenerierung und Produktentwicklung mit einzubeziehen, damit \?letztlich gut akzeptierte und am Markt erfolgreiche Lösungen entstehen.“ [Gl11] Im Ergebnis werden Kategorisierungen und Typisierungen von Nutzerbedürfnissen und -eigenschaften vorgenommen, die eine Einteilung in vordefinierte Zielgruppen zulassen. Im Folgenden werden beispielhaft einige der Methoden und Instrumente vorgestellt. 4.1 Systematisierung und Charakterisierung der Nutzer Zur Systematisierung und Charakterisierung der Nutzer von AAL sind bereits verschiedene Ansätze entwickelt worden. Im Rahmen der Studie \?Nutzerabhängige Innovationsbarrieren im Bereich altersgerechter Assistenzsysteme“ [Gl11] wurde z.B. der Versuch unternommen, konkrete Persönlichkeitsprofile von AAL-Nutzern zu erstellen. Auf der Basis von realen Daten aus qualitativer und quantitativer Forschung wurden fiktive Re- präsentanten (sogenannte Persona-Beschreibungen) einer Zielgruppe konstituiert und eine \?Übersicht der für AAL relevanten Anwender-Cluster und den dazugehörigen An- spruchsgruppen“ [Gl11] erstellt, z.B.: $\bullet $Endnutzer: Chronisch kranke Arbeiter; Bewohner im betreuten Wohnen; gelangweilte Senioren mit Demenzerkrankung etc. $\bullet $Unterstützungsnetzwerk: Nachbarn; berufstätige, pflegende Angehörige 2 U.a. eine Studie des Fraunhofer Instituts, des Münchener Kreises sowie BMBF/VDE/VDI-geförderte Untersuchungen etc. $1357 \bullet $ Medizinisches Netzwerk: Ambulante Pflegekräfte; behandelnde Ärzte; Mitarbeiter im Telemedizinzentrum; betriebswirtschaftliche Leitung einer Klinik etc. $\bullet $Dienstleister und Produzenten: Mitarbeiter von Hausnotrufdiensten; Servicetechniker; Bildungsträger; Mitarbeiter von Pflegeberatungen etc. $\bullet $Wohnungsbau und Vermieter: Geschäftsführer einer Wohnungsbaugesellschaft; Hausverwalter Jede Persona der Anspruchsgruppen wird hinsichtlich ihrer Lebenslage, Interessen, ihren Anforderungen an Produkte und Dienstleistung, sowie den Befürchtungen in Bezug auf Hilfebedarf und den Folgen des Einsatzes von AAL-Technologien charakterisiert. Mithilfe von fiktiven Aussagen - \?Ich bin zwar im Ruhestand, aber das heißt nicht, dass ich jetzt alt werde“ etc. - wird versucht, die fiktiven Charaktere realer erscheinen zu lassen. Als Vorteile dieser Persönlichkeitsbeschreibungen werden die einfache Bildung weiterer Repräsentanten und die schnelle Verfügbarkeit eines umfassenden Rasters genannt. Des Weiteren soll es den Vermittlern von AAL einen sachlichen und insbesondere einen empathischen Zugang zu den Nutzern ermöglichen. In dem Projekt \?Barrierefreie Gesundheitsassistenz“ [PB11], angelehnt an dem Prinzip des Requirements-Engineering aus der Softwareentwicklung, werden durch Typisierungen Eigenschaften von Nutzern ermittelt.3 In einem ersten Schritt wurden vier Nutzertypen festgelegt: $\bullet $Selbständig lebende ältere Menschen $\bullet $Beschäftigte einer Behindertenwerkstatt $\bullet $An Demenz erkrankte Personen im Pflegeheim $\bullet $An Demenz erkrankte ältere Personen, die im Privathaushalt leben Um diese in ihrer alltäglichen Lebenswelt darzustellen wurden Fallbeispiele konstruiert, in denen sich subjektive Eigenschaften (und Bedürfnisse) abbildeten. Die Beispiele ähneln in ihrer Darstellungsweise den oben skizzierten Persona-Beschreibungen. Auf dieser Basis wurden weitergehende Differenzierungen und Kategorisierungen vorgenommen und unterschiedliche Ausprägungen von gering bis hoch, bzw. von nicht vorhanden bis stark vorhanden zugeordnet: 3 Im Endergebnis wurden sowohl Eigenschaftsals auch Bedürfniskategorien selektiert. Die Bedürfniskategorien werden im nächsten Kapitel vorgestellt. 1358 Eigenschaften Kategorien Kognition (kognitiv eingenicht leicht mittelstark schränkt) Wohnsituation Ein-Personen-Haushalt Mehr-Personen-Haushalt Anzahl Ansprechpartner 0


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Gesellschaft für Informatik, Bonn
ISBN 978-3-88579-602-2


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