Gesellschaft für Informatik e.V.

Lecture Notes in Informatics


INFORMATIK 2009 - Im Focus das Leben P-154, 873-887 (2008).

Gesellschaft fĂŒr Informatik, Bonn
2008


Editors

Stefan Fischer, Erik Maehle, RĂŒdiger Reischuk (eds.)


Copyright © Gesellschaft fĂŒr Informatik, Bonn

Contents

Leitende Ziele kybernetischer Leitbilder. Von Teleology, Cybernetics, Computer aus in die Nachkriegszeit

Rainer Becker

Abstract


Informatische und biologische Wissenschaften verbindet nicht erst seit kurzer Zeit gegenseitiges Interesse. Ohne AnschlĂŒsse an biologische Forschungsfronten wĂ€re auch Cybernetics kaum als Vermittlungsfigur des Entstehens informatischer Wissenschaften möglich geworden. Auch Theoriebildungen zur Vorbereitung von Kybernetik - vor 1948 - schlossen produktiv biologische Forschungsvorgaben mit ingenieurstechnischen und mathematischen kurz. In Folge von Kybernetik - nach 1948 - drĂ€ngen kybernetische Metaphern ĂŒber bisherige Grenzen und berĂŒhren nun umgekehrt u.a. biowissenschaftliche Forschung. Im Text wird sehr selektiv versucht, manche unterschwellig leitenden Funktionen des Wissens/ der Wissenschaft (\log os) vom Leben (bios) fĂŒr kybernetische Theorie und ihre unmittelbare Vorgeschichte vor Augen zu fĂŒhren. Die Untersuchung mĂŒndet zwar in kurze Ausblicke auf im Ausgang von Kybernetik möglich werdende PhĂ€nomene. Die Hauptlinie des Texts begrenzt sich jedoch auf die Untersuchung eines bestimmten historischen Zusammenhangs. Sie konzentriert sich auf einen fĂŒr Cybernetics wie Computer Science als prĂ€gend erachteten kybernetischen Komplex. Die Analyse orientiert sich an einem Beispiel frĂŒher, kybernetiknaher Konzepte von \?Teleologie' zwischen 1940 und 1943. Indem diese Konzepte inhaltlich und formal umrissen werden, vor und gegenĂŒber Cybernetics beleuchtet, wird ihre soziale wie textuelle Einbettung/ Wirksamkeit herausgearbeitet. Ein kybernetiknaher Teleologie-Bereich und sein Umfeld kann dabei (1.) als wichtiges Element beim Entstehen des Computers gelten. Er wird (2.) von Belang hinsichtlich des Vorlaufs zu Kybernetik und damit auch (3.) den Wirkungen nach 1948. Zuletzt treten so (4.) einige sozial nicht unerhebliche MachtphĂ€nomene der Nachkriegszeit in den Blick, ein nun kybernetisch verschoben auftretender Bereich \?Leben' in seinem VerhĂ€ltnis zum Sozialen im Einzelnen wie im Ganzen. Informatik, Kybernetik - und Biowissenschaften. Gegenseitiges Interesse verbindet nicht erst seit kurzem informatische und biologische Wissenschaften. Interesselagen wie diese sind in der Vergangenheit nur ungleich unscheinbarer aufgetreten. Bereits zur Zeit als heutige Computer Science sich erstmals in wichtigsten Grundlagen bildete, geschah dies keineswegs ohne PrĂ€gung durch zeitgenössische biologische Theorien. Denn ohne AnschlĂŒsse an zentrale biologische Forschungsfronten jener Zeit - von Evolutionstheorie ĂŒber Behaviorismus bis zu Neurophysiologie - wĂ€re auch Cybernetics kaum als eine hierzu notwendige Vermittlungsfigur möglich geworden. Als eine Vermittlungsfigur, die fast unumgĂ€nglich zu durchlaufen war nicht allein zu Beginn des Entstehens informatischer Wissenschaften der gegenwĂ€rtigen Form. Bereits einige nicht unwichtige Theoriebildungen zur Vorbereitung selbst desjenigen, das sich spĂ€ter Kybernetik nennen sollte, schlossen produktiv biologische Forschungsvorgaben mit ingenieurstechnischen und mathematischen kurz. Im SelbstverstĂ€ndnis ein Theoriedesign, das vormals unterscheidende Kategorien von Mensch, Tier und Maschine mittels Theorien u.a. von \?Information', \?Feedback' und \?zirkulĂ€rer KausalitĂ€t' kreuzt und ĂŒberschreitet, ist kybernetische Theorie ungefĂ€hr um 1948/49 erstmals ausdrĂŒcklicher ausbuchstabiert. Hieraus bilden sich in Folge neuartig getönte Bezugspunkte und Denkstile, fast eine Weltanschauung. Kybernetisch ausbuchstabierte Koordinatennetze, Perspektiven und Metaphern bereiten sich in der Nachkriegszeit zum AusschwĂ€rmen ĂŒber die Grenzen ihrer bisherigen Einsatzfelder vor. Die Geburt u.a. von Computer-Science steht bevor. Es sind kybernetische Denkstile, die in Folge dann zugleich, diesmal in umgekehrter Richtung, auch biowissenschaftliche Forschung nicht unerheblich berĂŒhren sollten. Markantes Beispiel ist neben einer u.a. mittels Informationsmetaphern reformulierten Molekularbiologie nicht zuletzt eine Neurophysiologie, die sich im weitesten Sinne an Rechnermetaphern orientiert. Wenn ich im Folgenden einen einzelnen, noch vor-kybernetischen Einflussbereich hin zu Kybernetik herausgreife, ist dessen Untersuchung weniger hinsichtlich Fragen betont, was aus Kybernetik fĂŒr jene Biowissenschaften der Nachkriegszeit folgte. HauptsĂ€chlich werde ich versuchen, manche unterschwellig leitenden Funktionen des Bereichs Leben (bios) und seines Wissens/ seiner Wissenschaft (\log os) fĂŒr kybernetische Theorie und ihre unmittelbare Vorgeschichte vor Augen zu fĂŒhren - und zwar sehr selektiv. Zwar mĂŒndet meine Untersuchung auch in kurze Ausblicke auf einige im Ausgang von Kybernetik möglich werdende, spĂ€tere PhĂ€nomene. Die Hauptlinie des Texts konzentriert sich jedoch auf eine begrenzte Untersuchung eines bestimmten historischen Zusammenhangs. Sie konzentriert sich auf einen fĂŒr Cybernetics wie Computer Science als wirksam wie prĂ€gend erachteten, auf einen beiden historisch vorausliegenden Theorie- und Praxisbereich. Die Untersuchung geschieht am Beispiel historisch und konzeptuell kybernetiknaher Konzepte von \?Teleologie', versucht deren Kontextualisierung. Die Analyse geschieht damit am Beispiel eines Konzepts, das zwischen 1940 und 1943 im Entstehen begriffen ist. Indem dieses Konzept versucht wird inhaltlich ein wenig nĂ€her zu umreißen - um es dann vor und gegenĂŒber Cybernetics zu beleuchten - wird zugleich seine soziale und textuelle Einbettung und Wirksamkeit herausgearbeitet. Dies ermöglicht manchen Perspektivenwechsel: Ein kybernetiknaher Teleologie- Bereich und sein Umfeld kann zum einen als wichtiges Element beim Entstehen des Computers gelten. Er wird zum anderen von Belang hinsichtlich des Vorlaufs zu Kybernetik und damit auch deren spĂ€terer Wirkung, nach 1948. Auf diesem Boden geraten zu Ende der Analyse zugleich einige sozial nicht unerhebliche MachtphĂ€nomene der Nachkriegszeit in den Blick. Als Ziel des Texts steht derart zuletzt ein hinsichtlich Konzeptualisierung und sozialer Kontextualisierung verschoben auftretender Bereich \?Leben' im Focus. Dies betrifft zu Zeiten des kalten Kriegs weniger allein Biowissenschaften als SozialitĂ€t im Allgemeinen, im Einzelnen wie im Ganzen. NĂ€hern wir uns diesem Weg durch Archive beginnend mit den Jahren 1940-43. Teleologie und Notstand. Als Wissen/ Wissenschaft von den Zielen/ Zwecken (telos) ist Teleologie ein die westliche Kultur und ihre Philosophie seit ihren griechischen AnfĂ€ngen beunruhigendes Problemfeld. Von be- und vorschreibender Handlungstheorie, von Theorien zu Zielen und Zwecken von Handlungen - bis hin zur Kritik von Annahmen zielgerichteter Prozesse in der Natur: EuropĂ€ische Philosophie setzt sich nicht allein zwischen Aristoteles und Kant mit vielerlei Problemstellungen im Kontext auseinander. Und nicht allein Philosophie fragt nach Teleologie. Mathematik, Ingenieurswissenschaft - und Biologie: 1942/43 lanciert der Mathematiker Norbert Wiener gemeinsam mit dem IBM-Ingenieur Julian Bigelow sowie dem Arzt und Neurophysiologen Arturo Rosenblueth im amerikanischen Journal 'Philosophy and Science' einen Text namens Behavior, Purpose and Teleology [Wi43a, Wi50b]. Wie zu sehen sein wird, thematisiert dieser Text seine Fragen mit hohem Abstraktionsniveau. Es sind Fragen nach GrundzĂŒgen des Verhaltens, nach dessen Ziel- und Zwecksetzungen und jeweiliger Zielgerichtetheit. Dies wĂ€re allein noch nichts ungewöhnliches, wenn es sich beim untersuchten Verhalten nicht um etwas handeln soll, das quer ĂŒber Spezies-Grenzen hinweg analysiert und zugleich unter Einschluss technischer Apparaturen gedacht wird. Hierdurch werden produktive Überkreuzungen des VerstĂ€ndnisses von Tieren und Maschinen geschaffen. Der Teleology-Text von 1943 hat wegen seiner Wirkung auf weitere Texte, u.a. Wieners [Wi43b] - und vermittels deren Wirkungsgeschichte - nicht allein Einfluss auf die Informationstheoretie Shannon/Weavers von 1948. Die im Text von 1943 erstmals vorgestellten, wirkmĂ€chtigen Thesen haben fĂŒr Wiener zugleich eine \?vital importance in the present emergency“ [Wi43b, S.1] - sie sollen auf einen Notstand antworten. 1943 in kleinerem Kreis zu Zeiten des \?Notstands' des zweiten Weltkriegs diskutiert, setzt deren breitere Wirkung erst ab 1948/49 ein, zu Beginn des \?kalten Krieges', der beginnenden Blockkonfrontation. Im Entstehen siedelt sich Wiener/ Bigelow/ Rosenbluths Teleologie-Text von 1943 noch vor Beginn der sog. Macy-Konferenzen an. Zwischen 1946 und 1953 mehrfach abgehalten, gelten diese heute oftmals als kybernetisches Urgestein.1 Neben weiteren hierfĂŒr wichtigen Texten wirkt auch und insb. jener Teleologie- Text von 1943 nicht unerheblich gerade auf zentrale theoretischen Grundlagen just jener Konferenzen ein. Wenn hier nun aus historisch noch flussaufwĂ€rts der Macy-Konferenzen befindlichen Textlagen jener Teleologie-Kontext ab 1940 herausgegriffen und auf seine Grundaussagen hin analysiert wird, dann stellen sich genaugenommen weder die sog. Macy-Konferenzen zwischen 1946-1953 noch Wieners Cybernetics or control and communication in the animal and the machine von 1948 als Geburtsstunde einer Kybernetik heraus, die hier noch integral US- amerikanisch beheimatet ist. Bereits Behavior, Purpose and Teleology stellt eine Quintessenz vorhergehender Forschungen wirkungsmĂ€chtig aus. Es handelt sich um Forschungsergebnisse von Untersuchungen, die zwischen 1940 und 1942 von Norbert Wiener und Julian Bigelow unter der Ägide Warren Weavers, eines der Ahnherren der Informationstheorie unternommen wurden. Es handelt sich um Forschungsergebnisse, die spĂ€ter - teilweise terminologisch reformuliert, mit weiteren AnschlĂŒssen verquickt - weitestgehend zum kybernetischen common sense werden sollten, auch und gerade auf den Macy-Konferenzen. Verhalten: Ziele und Teleologie. Was behauptet Teleology von 1943? Sein erstes Charakteristikum besteht vor allem darin, mit keinem Wort die ihm vorausliegenden Forschungen zu benennen. Folgt man ihm darin, tritt ein weites Charakteristikum zutage.


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Gesellschaft fĂŒr Informatik, Bonn
ISBN 978-3-88579-241-3


Last changed 24.01.2012 22:07:23